Com’era dov’era? – Wiederaufbau und Weiterbau in der Architektur

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Kathedrale Notre-Dame de Paris (1163-). Ansicht der Apsisseite (2014).

Der Großbrand in der Kathedrale Notre-Dame de Paris am 15. April 2019 hat einmal mehr eine Grundsatzfrage der Architektur heraufbeschworen. Konkret geht es um das Planen und Bauen im Bestand, in einem bauhistorisch und auch kulturgeschichtlich übergeordneten Zusammenhang zumal. Man kennt das Phänomen aus endlosen Debatten, sei es als es um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ging oder den Wiederaufbau der nach dem Ersten Weltkrieg zerstörten Kirchen im Nordosten Italiens oder eben beim Wiederaufbau des 1902 eingestürzten Markusturms in Venedig, anlässlich dessen das Motto ‚Com’era dov’era‘ (wörtlich: so wie er war dort wo er war) geprägt wurde.

Während beispielsweise der Wiener Architekt Otto Wagner angesichts der Ruine in Venedig  der Auffassung war, es hieße die Architekturgeschichte verfälschen, würde der Campanile identisch wieder aufgebaut, steht dem die meist populäre Auffassung einer aufrechterhaltenen Kontinuität entgegen. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung. Ist es wirklich möglich, eine exakte Kopie zu errichten, die zumindest in sicherheitstechnischer Hinsicht heutigen Standards genügen kann oder will man allen Ernstes bei einem de facto Neubau auf den heutigen Technikstand und beispielsweise die Barrierefreiheit verzichten?

Aus architekturgeschichtlicher und auch planerischer Sicht sind Rekonstruktionen ein zweischneidiges Schwert. Gerade das Humboldt-Forum als gefühlter Nachfolger des Berliner Stadtschlosses zeigt, was passieren kann, wenn man heutige Maßstäbe mit einem Bild des Tradierten in Verbindung bringt. Es entsteht eine kulturgeschichtlich beschämende Kulissenarchitektur. Andererseits: Hat nicht jede Zeit ein Anrecht, sich selbst auszudrücken, auch dann wenn es sich um Baudenkmale allerhöchsten Ranges handelt?  Und doch vermag man sich das Dach der Kathedrale in Paris nicht so richtig mit einer zeitgenössischen Interpretation vorzustellen. Die Frage bleibt spannend und der richtige Weg im Dickicht verschiedener begründeter Annäherungen und Ansätze verworren. War nicht schließlich auch Viollet-Le-Ducs Dachreiter eine zeitgenössische Interpretation des Bauteils Kathedralendach, das dann selbst Geschichte geworden ist. Gerade bei einem sehr alten und vielen durchgreifenden Änderungen unterzogenen Bauwerk wie der Kathedrale von Paris sollte es letztlich schwierig oder gar unmöglich sein, den einen historischen Bauzustand zu identifizieren oder gar festzulegen. Letzlich ist es doch ein Wesensmerkmal der gotischen Kathedrale selbst, dass sie ein offenes, kontinuierlich forgeführtes Bauprojekt ist, wie allein der fortdauernde Bestand des Berufs des Dombaumeisters bestätigt.