Wie Architektur entsteht

Wie Architektur entsteht

Am Anfang einer jeden Bauaufgabe, oder vielmehr Entwurfsaufgabe, die mit einem Gebäude zu tun hat, steht das Wesen der Aufgabe. Dieses Wesen der Aufgabe wird in aller erster Linie davon bestimmt, was das Gebäude überhaupt sein und wozu es dienen soll. Diese Frage nach dem Sein explizitiert sich wiederum auf zwei grundlegenden Ebenen: Zum einen auf der allgemeinen Ebene, was ist das Wesen der Aufgabe in allgemeiner typologischer Hinsicht, somit in Beziehung zur Architekturgeschichte des Bautyps und zur Bautradition sowie den gegebenen Möglichkeiten der Zeit in der das Gebäude entstehen soll. Zum anderen auf der spezifischen Ebene des Bauherrn und des Nutzers: Welche besonderen Anforderungen und Wünsche verbinden Bauherr und Nutzer mit dem Gebäude.

Die nächstentscheidende Determinante ist der Ort, der Ort des Geschehens. Wo befindet sich das Grundstück, in welchen Kontext ist es eingebunden und wie wird es erschlossen, in seiner Form bedingt. Welchen Geländeverlauf gibt es, welche landschaftlichen Bestandteile hat es, natur- und kulturlandschaftlich? Wie ist das Klima, die Besonnung und wie verknüpfen sich alle diese Parameter mit der Aufgabe, welche Wechselwirkungen gibt es, welches Ziel hat das Gebäude in Bezug zum beziehungsweise in Abhängigkeit vom Ort?

Obwohl wir geneigt sind, Gebäude schon früh vom Eingang und seiner äußeren und inneren Erschließung her zu denken, weil dies auch der Weg ist, wie wir primär Gebäude wahrnehmen beziehungsweise unserer Wahrnehmung eröffnen, ist die erste baukonstruktive Determinante das Dach oder vielmehr die Dachform. Denn die Baugeschichte und Architekturanalyse zeigen, dass die Dachform bestimmt welche raumbezogenen Möglichkeiten, also welche Möglichkeiten der Volumenformgebung und Volumenkomposition überhaupt bestehen. Sei es auf die plastische Durchbildung, die Gliederung oder Anordnung von Räumen bezogen, noch bevor der Mensch eine Einhegung sucht, sucht er vor allem ein Dach und so ist ein Gebäude schon früh vom Dach her zu denken. Der Hochbau impliziert tatsächlich, dass seine früheste Kompositionslogik sich von oben her bestimmt, vom Dach her über die Geschossigkeit über die Verbindung der Geschosse von oben nach unten.

Erst wenn diese Aspekte näher bestimmt sind beginnt der engere Prozess der architektonischen Komposition (nicht umsonst werden die kardinalen Entwurfsfächer in Italien composizione architettonica genannt). Die architektonische Komposition ist die Kernaufgabe des architektonischen Entwurfs. Sie gründet ganz entscheidend auf der Erschließung des Bauwerks, vom Grundstück in das Gebäude und dann im Gebäude. Die Erschließung schafft den Rhythmus des Gebäudes; ist der Entwurf die Partitur eines Gebäudes, ist die Erschließung die gleichmäßige, geordnete räumliche Gliederung des in sich geschlossenen, schlüssig verbundenen und dem Zweck dienenden Raumgefüges beziehungsweise der Raumfolge, die sich wiederum aus der artikulierten Abstufung von öffentlichen zu intimen Räumen, deren Höhen, Längen und Breiten, den Tiefen und Weiten ergeben.

Ist das Raumgefüge entstanden, so wird es geformt und verfeinert; wie alle Schritte, die zur Entstehung von Architektur beitragen, ist auch dieser in Abhängigkeit vom Wesen der Aufgabe zu sehen. Das Wesen der Aufgabe ist die den gesamten Architekturentstehungsprozess übergreifende und bestimmende Konstante; es zu erkennen, zu definieren und weiterzuentwickeln ist entscheidend, denn es ist die beständige Meßlatte aller folgenden Entscheidungen, die zur Schöpfung des Bauwerks, sei es nur im Entwurf oder letztlich gebaut, führen und über dessen Qualität entscheiden. Auf der Grundlage des Raumgefüges entwickelt sich die Raumgestalt und zwar idealerweise derart, wie sie dem Wesen der Aufgabe entspricht und somit der Bauaufgabe und seiner Äußerung eine Bedeutung gibt. Diese Bedeutung leitet sich vom Wesen der Aufgabe und ihrem Ziel ab. Nur in der harmonischen Integration von Bedeutung, Funktion, Konstruktion und Gestaltung kann letztlich ein Werk von hoher architektonischer Qualität entstehen. Nur dann kann ein Bauwerk mehr als technische Fügung, ja Bauen sein. So steht die Raumgestalt mit der Tonalität ihrer Stofflichkeit in engster Verbindung. Dabei geht es darum zu klären welche Materialien und Oberflächen und welche feineren Formen und Ausstattungsmerkmale bis hin zum technischen Ausbau dem Wesen der Aufgabe dienen und es ausdrücken, unter bestimmten Umständen sogar exaltieren.