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Vorsicht Betonmonster? Brutalismus-Ausstellung in Frankfurt

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Saverio Busiri Vici: Multifunktionsgebäude Viale Ionio 10, Rom, 1972.

Mit gewisser Vorsicht ist die Ausstellung ‚SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster‘ zu genießen, vor allem dann, wenn man bereits den hervorragend ausgestatteten Ausstellungskatalog mit zugehörigem Aufsatzband in Händen hält. Im Vergleich dazu hält die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum tatsächlich kaum etwas bereit, das dem Museumsbesuch gegenüber dem Katalogstudium einen Mehrwert verleiht. Anders verhält es sich jedoch mit Anliegen, das sich hinter der Ausstellung verbirgt. Endlich, sollte man sagen, nimmt man sich einer Architektur an, die lange Zeit übelsten Verunglimpfungen ausgesetzt war (und es leider immer noch ist), aber mittlerweile ein Bauerbe darstellt, dessen wir uns zurecht annehmen müssen.

Die Architektur des Brutalismus verkörpert eine Epoche, in der der Frieden in der westlichen Welt aufgezogen ist, Kolonien ihre Unabhängigkeit erlangt haben und eine scheinbare Allverfügbarkeit von Ressourcen und Innovationen einen schier grenzenlosen Aufschwung verheißen hat. Die Architektur des Brutalismus ist ein globales Phänomen. Sie ist die Emanzipation der Klassischen Moderne, die endgültige Verwirklichung einer Architektur des 20. Jahrhunderts, die das Verlangen der Erneuerung mit dem des Großartigen verbindet. Tatsächlich ist der Brutalismus die architektonische Antwort auf den Aufbruch der Nachkriegszeit, die mit ihrer beispiellosen Wiederaufbau- und Neubauleistung die verbesserten Lebensverhältnisse baulich umgesetzt hat. Er markiert nicht nur den Triumph einer an die moderne Lebenswirklichkeit der Menschen angepassten Architektur, sondern die ultimative Bestätigung und Überwindung ihrer Prinzipien in einer beinahe entgrenzten plastischen Ausdrucksvielfalt und meisterhaften Beherrschung der konstruktiven Möglichkeiten und des Materials, das heute den Großteil unserer gebauten Umwelt bestimmt: Beton.

Die Ausstellung und vor allem das mit ihr verbundene Dokumentationsprojekt hat sich zum Ziel gesetzt, das Bewusstsein für diese allgegenwärtige Architektursprache zu fördern. Durch eine Datenbank werden zudem Bauwerke weltweit registriert, so dass eine systematisierte Grundlage für den reflektierten Umgang bis hin zum Erhalt geschaffen ist.

Ausstellung
9. November 2017 – 2. April 2018
Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main

ONLINE-KAMPAGNE: http://www.SOSBrutalism.org