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Jenseits der puren Form – Gedanken zu einem Begriff des ‚Proto-Brutalismus‘

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Le Corbusier: Pavillon Suisse, Paris, 1931-33. Foto: Jean-Pierre Dalbéra.

Der Brutalismus in der Architektur ist keine Erfindung des Architektenehepaars Smithson und keine Kanonisierung Reyner Banhams. Wie Anette Busse in ihrem Aufsatz Von brut zum Brutalismus – Die Entwicklung von 1900 bis 1955 herausgearbeitet hat, gibt es erkennbare Vorläufer sowohl in der Gedankenwelt als auch in konkreten Beispielen, die den Brutalismus, wie ihn die Smithsons 1953 erstmals bezeichnet haben, in der Zeit des modernen Aufbruchs in der Architektur verankern. Insbesondere Le Corbusiers seit den 1920er Jahren verwendete Begrifflichkeit brut antizipiert mit ihrer Betonung des Herben, Rauhen, Ursprünglichen eine emotional aufgeladene Architektursprache. Dabei geht es vor allem um die Wirkung, die bestimmte Materialien, und der Umgang mit ihnen, erzeugen. Der extremen Ästhetisierung, wie sie die um Formschönheit bemühte Klassische Moderne kultiviert hat, stellt Le Corbusier mit brut das Werden der Form entgegen. Die Architektur wird ihrer Umwelt nicht mehr durch Überhöhung entrückt, sondern durch herausstellen der Funktion und der Bauweise den „komplexen Beziehungssystemen menschlicher Gesellschaft“ (S. 33) näher gebracht.

„Unverkleidet, unverfälscht, echt, authentisch, aber auch roh und direkt – das sind die Adjektive,“ die von Architekten wie Le Corbusier, Aalto, Breuer und Bill „benutzt wurden, um die geistige und kulturelle Dimension ihrer Entwürfe,“ z.B. für den Pavillon Suisse in Paris, das UNESCO-Ratsgebäude ebenfalls in Paris, die HfG in Ulm oder das MIT-Dormitory in Cambridge, “ verständlich und greifbar zu machen. Die Gestalt sollte ohne Rhetorik das Innere nach außen kehren, Kraftverläufe und Prozesse sichtbar machen und damit eine unbestreitbare Realität jenseits der puren Form erzeugen.“ (S. 37) Prinzipien und Merkmale, die später für den Brutalismus charakteristsich werden und eine neue internationale Architekturströmung begründen, die bis zur Energiekrise 1973 weltweit Bauwerke von gewaltiger expressiver Kraft hervorbringen und die Architektur zu einem letzten Hurra handwerklicher Bauornamentik beflügelt, bevor sie durch neue ressourcenbezogene Zwangslagen und Gesetzgebungen zur Energieeinsparung in ein technoides Korsett gezwungen wird.

Geistige Vorläufer einer Architektur des Brutalismus als eine Architektur des Unmittelbaren und Authentischen lassen sich, wie Anette Busse herausgefunden hat, in Auguste Pugins True Principles (1841), John Ruskins Of General Principles and Truth (1843) , Hermann Muthesius‘ Kunst und Maschine (1902) und Hendrik Berlages Thoughts on Style (1909) finden. Es wird deutlich, dass der Brrutalismus der Nachkriegszeit eine tiefe Verankerung im Zeitalter der Industrialisierung und der damit verbundenen Wandlung der Gesellschaft hin zu einer Gesellschaft der Massen mit eigener Kultur hat. Durch Bauwerke, die schon vor der expliziten Fixierung einer brutalsitischen Haltung nach deren Prinzipien realisiert wurden, liegen Stichproben einer proto-brutalistischen Strömung innerhalb des breiter angelegten Aufbruchs der architektonischen Moderne vor. Die noch ausstehende wissenschaftliche Verortung dieser Strömung verspricht, zur weiteren Verfeinerung des Moderneverständnisses beizutragen.

Alle Zitate wurden folgendem Aufsatz entnommen: Busse, Anette: Von brut zum Brutalismus – Die Entwicklung von 1900-1955, in: Elser, Oliver – Kurz, Philip – Cachola Schmal, Peter (Hg.): SOS Brutalismus – Eine internationale Bestandsaufnahme. Zürich 2017, S. 32-37.

Das Foto von Jean-Pierre Dalbéra wurde unter Berücksichtigung der Lizenz CC BY 2.0 verwendet und weiterverarbeitet.

Funktion oder Fassade, Raum oder Bild – Zur Problematik einer zeitgemäßen Architektur

Charles-Louis Girault: Grand Palais, Paris, 1897-1900.

Charles-Louis Girault: Grand Palais, Paris, 1897-1900.

Am Ende ein Kostümball

Anstatt organisch an die großen Traditionen der Baugeschichte anzuknüpfen eröffnen die Architekten des 19. Jahrhunderts, nachdem die Hochtöne des Klassizismus verklungen sind, eine regelrechten ‚Kostümball‘, bei dem alle Stile und Epochen – zuweilen verfremdet und verbogen – der Baugeschichte aufgetragen werden. Diese Epoche des Historismus und des Eklektizismus lässt sich mit den Positionen der Kunstakademien identifizieren und daher auch als ein überzogener Akademismus verstehen. Dass diese auf den applizierenden Gebrauch der Stile und Stilmittel beruhende Haltung sich angesichts der aus den Modernisierungsprozessen resultierenden Spannungen keineswegs geeignet erscheint, um die Wirklichkeit einer modernen Massengesellschaft adäquat baulich abbilden zu können, wird jedoch zunehmend deutlich und insbesondere die Trennung von Ingenieur und Architekt, die Umstrukturierung der Ausbildungswege und fanalartige Bauten wie der Eiffelturm in Paris oder später die Bauten des Bauhauses kennzeichnen den Weg der Architektur in die Gegenwart einer verwandelten Welt. Doch zunächst bietet der Jugendstil mit seinem ornamentalen Rückgriff auf handwerkliche Traditionen und pflanzliche Formmuster einen Ansatzpunkt, um einen Weg aus der Verausgabung akademischer Repetitionen zu finden. Da sich die funktionalistische Bauweise, wie sie beispielsweise in den technoiden Bauten eine Gustave Eiffel oder Joseph Paxton vorweggenommen worden sind, zunächst nicht durchsetzen kann, liegt es nahe, dass in Anlehnung an die Haltung des Jugendstils eine expressionistische Tendenz versucht, eine Brücke zwischen Tradition und Moderne zu schlagen.

Le Corbusier: Maisons La Roche-Jeanneret, Paris, 1923.

Le Corbusier: Maison La Roche, Paris, 1923.

Weltkrieg und Aufbruch

Erst der epochale Einschnitt des Ersten Weltkriegs mit all den anhängenden Verwerfungen und Hinterfragungen bringt eine neue Generation Kulturschaffender in den Vordergrund. Nun ist es eine Architektur, die aus der empirischen Lesart des 19. Jahrhunderts eine Architektur für die Menschen des 20. Jahrhunderts destilliert. Eine bewusst an den Bedürfnissen der Menschen und den technischen Möglichkeiten orientierte Architektur schlägt sich in einem strengen und zugleich formgebenden Funktionalismus wieder, der die Abkehr vom Repräsentationsdogma überkommener Architekturkonzeptionen sanktioniert. In Verbindung mit dem ausgesprochen pädagogischen Willen ihrer Protagonisten erreicht diese radikal moderne Strömung schon bald eine internationale Verbreitung. In ihrer heroischen Phase zwischen den beiden Weltkriegen, begegnet sie in allen Massengesellschaften in unterschiedlicher Ausprägung und wird, wie das Beispiel Italiens oder der frühen Sowjetunion zeigt, auch totalitären Ideologie angedient, die mit ihrem Bedürfnis nach Repräsentation durchaus konservative Darstellungsansprüche stellen. Es wird deutlich, dass diese neue Architektur der Massen, die sich der Erfordernisse und Möglichkeiten der Zeit bewusst annimmt, in der Lage ist, jede sich stellende Bauaufgabe adäquat lösen zu können. Aus der wiedergewonnenen Harmonie von Konstruktion, Funktion, Ästhetik und Bedeutung schöpft schließlich die moderne Architektur, wie sie bis heute weiterwirkt. Emblematisch drückt sich dieser Aufbruch in der Negation der reinen Schaulustigkeit aus, die Fassade wird nicht mehr unabhängig von der dahinterliegenden Raumstruktur als ‚dreidimensionales Gemälde‘ verstanden, sondern als eine durchgreifende, logische und in ihrer Elementarität verständliche Teiläußerung einer Architektur der Körperhaftigkeit begründet.

Demokratisierung des Schönen

Die Unmittelbarkeit der Raumerfahrung und die Demokratisierung des Schönen sind Kernbestandteile dieser neuen, modernen Konzeption, die erst jetzt durch die Möglichkeiten des computergestützten Gestaltens in die Irrwege der bloßen Bildhaftigkeit geführt wird. War die Architektur am Ende der baugeschichtlichen Organik ein Kostümball willkürlicher Stilbenutzung, so ist die Architektur inzwischen wieder zu einem Spielball ästhetizistischer Designreflektionen geworden. In dem Moment, da das Design oder das Bild zum konstituierenden Element wird, wird die Lektion der Moderne ad absurdum geführt und die so schwer zurückerlangte Logik verloren. Doch liegt es nah, dass heute in einer bildgewaltigen Welt, das Bild des Gebauten als Image zum Selbsttragenden Motiv wird, und dennoch birgt die Lehre der frühen Moderne jenen Sinn für das Wesentliche, der aus einem Gebäude mehr macht als ein Bauwerk oder ein Sinnbild – nämlich Architektur im Sinne eines integrierten organischen, verständlichen und plausiblen Ausdrucks menschlicher Wirklichkeit.